Reisebericht Baltikum

In Tallinn

Talinn gefällt mir schon mal.

Gähnende Leere und viel Gewusel in der Altstadt. Mit dem Wohnmobil kommen wir ganz leicht zum Hafen durch wo uns ein toller Wohnmobilstellplatz erwartet. Ein bisschen wie Warnemünde nur viel größer, moderner.

Wohnmobilstellplatz vor Kreuzfahrtschiffen am Hafen von Tallinn
Tallinn erscheint kreativ und modern, bezogen auf die Architektur, Verkehrsmittel, Digitalsierung und nicht zuletzt einfach auch das Feeling auf den Straßen.

Die Altstadt von Tallinn

Ähnlich wie in Warnemünde überfluten hier die Kreuzfahrt Touristen die Altstadt. Man läuft die hübschen Gassen ab stets das Fotohandy vor der Nase bereit das Flair der alten Mauern für ewig festzuhalten. Da mache ich keine Ausnahme:

Das historische Tallinn mit engen Gassen ist voll von Touristen

Der Domberg in der Oberstadt

In kleinen Gassen führt der Weg hinauf zum Domberg. Zuletzt gelangt man über eine steile Treppe durch einen Torturm aus dem 1380. Am Domberg begann die Geschichte der Stadt Tallinn. Hier ließen sich die ersten Siedler nieder, weil sie von diesem Kalkhügel aus die Küste gut im Blick hatten. In der Folgezeit haben sich viele Fürsten genau an diesem Ort niedergelassen.

Eine hinkende Stadt?

Im Vorbeigehen schnappte ich die Frage „Warum hinkt Tallin?“ auf. Ein Touristenführer erklärte malefizig, die Stadt habe ein langes und ein kurzes Bein. Später habe ich nachgelesen, dass sich diese Scherzfrage auf zwei Straßen bezieht und anscheinend in allen Touristengruppen gerne zum Besten gegeben wird. Die beiden Straßen verbinden die Ober- und die Unterstadt miteinander. Das kurze Bein ist „Lühike Jalg“ und das lange Bein die „Pikk Jalg.“ Beide Straßenbeine lohnen sich begangen zu werden.

Mittelalterlicher Zeitsprung

Vor manchen Restaurants bieten historisch gekleidete Menschen auf mittelealterlichen Karren allerlei Waren an. In dieser Altstadt fühlst du dich wie in eine andere Zeit versetzt. Die Türme begrenzen die Stadtmauer und es gibt sogar einen Platz der Türme. Ich habe acht Türme gezählt, freu mich aber über jede Berichtigung, denn bislang konnte mir auch Google nicht sagen, wieviel Türme tatsächlich in Tallinn stehen.

 

Schräge Perspektive mit Heiligenschein:

Ein Selfi vor der Alexander-Newski-Kathedrale

Ursula Fischer und der Osteopath Normen Wolke aus Belrin vor der Orthodoxen Kirche in Tallinn

Die Alexander-Newki-Kathedrale befindet sich auf dem Domberg und ist um die Jahrhundertwende fertiggestellt worden. Sie ist eine russisch-orthodoxe Kathedrale, wie man sieht. Die Zwiebeltürme erinnern an Kirchen in St. Petersburg.

Die Kathedrale ist ein beeindruckender, reich geschmückter Bau mit rot-weißer Fassade, Mosaiken und tollen Gemälden. Ein Rundgang durch die helle und freundliche Kathedrale lohnt sich in jedem Fall.

Die Alexander-Newski-Kathedrale - eine Landmarke der estnischen Hauptstadt Tallinn und befindet sich auf dem Domberg

Aber nochmal zurück zum Anfang des Tages:

Am Hafen gibt es eine sehr schöne Markthalle, Sadama Turg, mit allerlei Leckereien, lokalen Besonderheiten, Wellness Produkten, alles mit Sauna Duft, wunderschön angeordnet und dekoriert.
Für Womo Fahrer: auch WC.

Sadama Turg – der Hafenmarkt

Wir wollten nur mal reinschauen, mein erster Eindruck war: „ach ja, das ist bestimmt so ein teurer Trendlanden“. Plötzlich sehe ich Normens Augen aufblitzen, er hält einen Beutel hoch, darinnen zehn Glitzi Schwämme: „Oh, die können wir aber brauchen und nur vier Euro…“ Schwäbin, die ich bin hielt ich dagegen: „was wollen wir denn mit 10 von den Dingern, los jetzt lass uns nach Tallinn!“

Das Flair dieser Stadt hat etwas ganz ganz Eigenes, entfernt kann es an Prag erinnern aber eben auch wieder nicht.

Wir schlendern also durch die Gassen schauen uns die Gebäude, Kirchen und das Rathaus an.

In Tallinn gibt es Hinterhöfe und romantische Gassen in der ein Baum wächst

Nachdem wir so schon 15.000 Schritte durch die Altstadt gemacht haben, höre ich plötzlich ein schwäbisches Geschimpfe hinter mir. Ach, der Heilige Bimbam ist auch in Talinns Altstadt unterwegs.

Neustadt Kalamaja, die Gegend um Noblessner und Rotermannviertel

Wir führen den Rundgang nördlich der Altstadt im Viertel  Kalamaja fort. Tolle Architektur, neben Bauruinen topmoderne Häuser.

Die Innovation Factory Proto

Kalamaja ist zum Synonym für den Wandel in Tallinn geworden lesen wir im Reiseführer und wir sehen es auch mit eigenen Augen.

Das Neue, das Alte und das Verlassene.

Port Noblessner scheint ein Zeichen dafür zu sein, was für einen Großteil der Küste Tallinsns kommen wird, aber es gibt immer noch viel ungenutztes Land und verlassene Gebäude, um der Gegend ein ganz anderes Gefühl als der Altstadt zu verleihen. Selbst Linnahall, der mit seinem epischen Eingang und der riesigen Konzerthalle für die Olympischen Spiele 1980 in Moskau gebaut wurde, stand fast ein Jahrzehnt lang leer

Anfang der 1990er Jahre war das Viertel heruntergekommen, die Holzhäuser verfault, keine schöne Gegend aber niedrige Mieten. Diese zogen mehr und mehr Künstler und Kreative an, die in der ursprünblich schönen Bausubstanz und der stadtnahen Lage ihren kreativen Raum fanden. Inzwischen sind wesentliche Teile von Kalamaja renoviert und es hat sich eine lebendige Gastronomieszene angesiedelt.

Sehenswert ist die ehemalige Stadthalle Linnahall. Ein großspuriger Prestigebau, dessen Glanz jedoch vorüber ist und jetzt einen Hauch von Einsamkeit hinterlässt. Die Linnahall zu besteigen und vom Dach zur einen Seite aufs Meer zu schauen und zur anderen auf den ehemaligen Paradeplatz ist ein interessantes Erlebnis. Hier wurde ein Musikvideo gedreht zu dem Song „Faded“ von Alan Walker, ein gutes Szenario für eigene Kunstftaufnahmen.

Das Meeresfort Patarei und die Museen am Lennusadam

An der Uferpromenade entlang, Richtung Lennusadam, dem Höhepunkt der estnischen Museumslandschaft, streift man Stacheldraht und gelangt schließlich zu einer verfallenden Gefängnisanstalt: das Meeresfort Patarei.  Angeblich diente die Patarei noch bis 2002 als  Gefängnis. 

Gefängnis Meeresfort Patarei Frontansicht

Als wir da waren, gab es eine temporäre Ausstellung, aber die Geräusche und die Aufmachung des Ganzen sahen zu echt aus, wir wollten da nicht rein.

Lieber sind wir auf dem Gelände des Lennusadam herumspaziert, haben Schiffe besichtigt (sehr cool: einen ehemaligen Eisbrecher), haben den Wasserflugzeughafen besucht und die coole Architektur genossen. 

 

Die Telliskivi Creative City

Taucht ein ins “Hipsters Paradise”. Oben habe ich geschrieben, dass Tallinn sehr modern sei. In Teeliskivi Creative City seht Ihr ein aufblühendes, alternatives Industrieviertel in dem sich Künstler, Gastronomen und Musiker tummeln. Dementsprechend vielseitig und umfangreich ist das kulturelle Angebot mit über 300 Veranstaltungen im Jahr.

Kunstwerk im Schaufenster in Tallinn Design

Neben kleinen Cafés und Restaurants, die es in anderem Design ja auch in der Altstadt gibt, findet man hier Streetfood, Ausstellungen, Graffiti Kunst, Ateliers, alternative Läden und einen wöchentlicher Flohmarkt. Das Prenzlberg von Estland könnte man das Szene- und Innviertel nennen.

Das Stadtviertel Rotermann in Tallinn

Das historische Stadtviertel Rotermann befindet sich im Zentrum von Tallinn, unweit der Altstadt, dem Hafen und dem Viru Platz. Das Gebiet ist nicht groß, aber ein wahres Paradies für Architekturbegeisterte. Genauso wie eigentlich auch das Noblesser Viertel, Kalamja, die Altstadt und gesamt Estland, wie ich finde. Im Rotermannviertel mischen sich avantgardistische Bauten geschickt mit ehemaligen Fabrikhallen der Rotermann Company.  Es handelt sich um ein Stadtviertel, in dem durch neue Funktionen wiederbelebte Industriegebäude und moderne Architektur nebeneinander stehen.

Fußgängerzone im Rotermannviertel neben Fabrikhallen und moderner Architektur

Zeitlich passt das Foto nicht hierher, denn wir sind zuerst zum Bus zurück und haben dort gegrillt, danach zogen wir nochmal los.

Ein nettes Cafe ist zum Beispiel das Liyana Cafe. Hier gibt es frisch gebackene Kuchen und leckere Kekse. Wenn ihr in der Jõe 7 vorbeikommt, schaut mal rein.

Tallinn Cafe Liyana im Rotermann Viertel

Nach Kaffe und Kuchen und satten Sehenswürdigkeiten kehrten wir zurück zu Luigi (unser Bus). Und was taten wir da?  Die herrlichen estnischen Bratwürste auf den Grill werfen.

Estnische Bratwürste auf dem Grill vor Sadama Turg in TallinnIhr könnt euch vorstellen wie hinterher der Grill aussah. Wie sollen wir jemals diese Krusten abbekommen!?

Kleine Anekdote speziell für Womo Fahrer

Es gibt keine sanitären Einrichtungen, auch Entsorgung haben wir nicht gefunden.

Aber: Wir erinnern uns an die zehn Glitzi Schwämme, die wir am Morgen im Hafenmarkt Sadama Turg gesehen und nicht gekauft haben! Frohlockend steuert Normen den tollen Laden an, bin gleich wieder da, sagt er. Ich komme natürlich mit, denn so ein Einkaufsbummel kann dauern…

Und was passiert? Wir kommen zurück mit zwei riesigen Tüten voll mit lokalen Produkten, Pfifferlingen, einem riesigen Stück frischen Lachs und natürlich den zehn Glitzi Schwämmen.

Die Markthalle ist einen Besuch wert!

Die Produkte sind wirklich gut und ich wundere mich noch wie schmackhaft das Gemüse hier ist wo doch die Sonne so flach einstrahlt.

Überhaupt, hat man hier das Gefühl, dass die Sonne nie ganz oben steht und ein eher bleiches, fahles, sehr weißes Licht verstrahlt.

Was mir sonst noch so auffällt:

Warum muss alles überall immer gleich sein: H&M, New Yorker, hopp on hopp off Bus Touren, due Elektroroller und guided tours on bike.

Nach Tallinn vorne und hinten, Tag und Nacht weit, und breit, fahren wir zur Insel Hiiumaa und suchen Surfers Paradise. Dieses ist ein sehr hübscher Strand, aber Surfers Paradise ist es nicht, denn es fehlt der Wind.

Am Abend nochmal in die Altstadt

Der Tag endet mit einer neuerlichen Radtout durch die abendliche Altstadt. Auch das lohnt sich, denn nun bekommt man nochmal einen anderen Blick auf Tallinn. Besonders empfehlenswert für Romantiker.

Die Geschichte enden hier nicht. Ich hatte einfach noch nicht genug Zeit, alle Fotos und Ereignisse zusammenzutragen.

Was noch kommt:
Der Seeflughafen (Estnisches Meeresmuseum), die Seefestung Patarei und die PROTO Entdeckungsfabrik.
Ich kann selbst nicht glauben, dass wir das alles in anderhalb Tagen hinbekommen haben.

Abgesehen von dem, was wir selbst erlebt haben, fasse ich hier nochmal zusammen, was in Tallinn alles so gemacht und besucht werden kann:

Zum ersten Mal in Tallinn – diese Sehenswürdigkeiten solltet Ihr besuchen

Ich würde nach unserer Reise sagen, ein Tag in Tallinn reicht nicht aus. Natürlich ist ein Tag besser als keiner und man kann an einem Tag schon sehr viele Sehenswürdigkeiten besuchen wie man oben sieht.
Die folgenden Tallinn Reisetipps sind jetzt aber schon für 2 bis 3 Tage ausgelegt, denn einige Tipps liegen auch nicht direkt im Zentrum.

Die Hauptattraktion bleibt die Altstadt von Tallinn

Die Altstadt von Tallinn wurde überdies zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.

  • Der Domberg – zum historischen Ursprung der Stadt
  • Tallinner Dom
  • Die Alexander-Newski-Kathedrale
  • Rathausplatz
  • Die mittelalterlichen Stadtmauer
  • Die Türme, die uns an Ankh Morpok erinnern

Außerhalb der Altstadt

  • Sadama Turg: Der Hafenmarkt
  • Balti Jaama Turg: Mehr als nur ein Markt
  • Telliskivi: Das kreative Zentrum von Tallinn
  • Kalamaja
  • Paterei-Gefängnis
  • Linnahall
  • Das Estonian Design House
  • Kunstmuseum Kumu
  • Estnisches Meeresmuseum
  • Fischmarkt Kalaturg
  • Telliskivi Creative City

Herausragende Fakten über Tallinn und Estland

Zuerst Tallin:

  • Tallinn ist die Hauptstadt von Estland und hat 430.000 Einwohner.
  • 40 km² sind Grünanlagen  und die Küste von Tallinn misst 46 km.
  • Tallinn wird manchmal als Silicon Valley von Europa bezeichnet, weil hier so viele Startups ihren Sitz haben. Das bekannteste Werk estnischer Programmierer ist Skype.

Estland:

  • 70% der Esten gehören keiner Religion an.
  •  ist Etwa ein Drittel der estnischen Bevölkerung lebt in Tallin
  • Die Amtssprache in Estland ist Estnisch. Auch Russisch, Finnisch, Englisch und Deutsch werden verstanden und von vielen Estinnen und Esten auch aktiv gesprochen. Unter uns: die estnische Sprache liest sich sehr niedlich: Tere Tulemast.

Besuch in Tallin am 3. September 2019